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Bekenntnisse | Unterstützung | Literarische Bekenntnisse | Oscar Wilde (1897)

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Oscar Wilde (1897): De profundis bzw. Epistola in carcere et vinculis (Auszug)

Für Dich (seinen Freund Lord Alfred Douglas) habe ich nur noch ein Letztes zu sagen. Fürch­te Dich nicht vor der Vergangenheit. Wenn die Menschen Dir sagen, sie sei unabänderlich, so glaube ihnen nicht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind vor Gott nur ein Augenblick, und vor Gott sollten wir zu leben suchen. Zeit und Raum, Abfolge und Ausdehnung sind nur zufällige Bezüge des Denkens. Die Phantasie kann sie überwinden und sich in einer freien Sphäre ideeller Existenzen bewegen. Auch die Dinge sind in ihrem Wesen nur das, was wir aus ihnen machen wollen. Ein Ding ist, je nachdem, wie wir es ansehen. „Wo andere“, sagte Blake, „nur das Frühlicht über den Berg kommen sehen, da sehe ich die Söhne Gottes vor Freude jauchzen.“ Was der Welt und mir selbst als meine Zukunft erschien, habe ich unwie­derbringlich verloren, als ich mich in den Prozess gegen Deinen Vater hetzen liess: ja, ich hatte sie in Wahrheit lang vordem schon verloren. Was nun vor mir liegt, ist meine Vergan­genheit. Ich muss mich dahin bringen, sie mit anderen Augen zu sehen, muss die Welt dahin bringen, dass auch sie diese Vergangenheit mit anderen Augen sieht, muss Gott dahin brin­gen, dass er sie mit anderen Augen sieht. Das kann ich nicht, indem ich sie ignoriere oder ba­gatellisiere oder sie rühme oder leugne. Die einzige Möglichkeit ist, sie als notwendigen Teil der Entwicklung meines Lebens und Charakters voll zu bejahen: mich allem zu unterwerfen, was ich gelitten habe. Wie weit ich noch entfernt bin von der wahren Seelenhaltung, das zeigt Dir dieser Brief mit seinen wechselnden, schwankenden Stimmungen, seinem Hohn und sei­ner Bitterkeit, seinem Sehnen und dem Unvermögen, dieses Sehnen zu verwirklichen. Doch vergiss nicht, in welcher schlimmen Schule ich über meiner Arbeit sitze. Und so unvollstän­dig und unvollkommen ich bin, Du könntest dennoch viel von mir profitieren. Du bist zu mir gekommen, um die Freuden des Lebens und die Freuden der Kunst kennenzulernen. Viel­leicht bin ich ausersehen, Dich weit Wunderbareres zu lehren: den Sinn des Leids und seine Schönheit.

Dein Dich liebender Freund Oscar Wilde


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