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Beirut. CC/Jaume d’Urgell
Schlusskommuniqué, verabschiedet von den Teilnehmern der Tagung zum Thema:
Evangelische und christliche Präsenz im Nahen Osten
Angesichts der radikalen Veränderungen, die sich in der Region Naher/Mittlerer Osten (NMO) derzeit abspielen, Veränderungen, die sich unmittelbar auf das gegenwärtige und künftige Schicksal ihrer christlichen Mitbewohner auswirken, denen sie eine echte Angst vor der unbe-kannten Zukunft einflößen, hielt die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen im Mittleren Osten (lutherisch – anglikanisch – reformiert) ihre erste internationale Tagung zum Thema „evange-lische und christliche Präsenz im Nahen Osten“ vom Montag, den 13. bis Mittwoch, den 15. Februar 2012 in Beirut/Libanon. An der Tagung nahmen die meisten leitenden Geistlichen und Laien, Präsidenten der Mitgliedskirchen der Gemeinschaft sowie Delegierte der evangelischen Schwesterkirchen und -organisationen aus dem Libanon, der NMO-Region, Europa, den USA, Kanada und Neuseeland teil.
Die Eröffnungssitzung fand in der evangelischen Kirche im Beiruter Stadtzentrum statt. Zusätzlich zu den angemeldeten Teilnehmern nahmen daran gegenwärtige und ehemalige libanesische Minister und Parlamentsmitglieder, Vertreter lokaler und internationaler evangelischer Kirchen und Organisationen sowie Vertreter der Schwesterkirchen aus der NMO-Region und lokale islamische Führungspersönlichkeiten teil.
Frau Rosangela Jarjour, Generalsekretärin der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen im Mittleren Osten (FMEEC), begrüßte die Teilnehmenden und lud Pfr. Dr. Salim Sahiouny, Präsident des Oberrates der evangelischen Gemeinschaft in Syrien und im Libanon ein, die Tagung mit einem Grußwort zu eröffnen und anschließend ein Gebet zu sprechen. Reden einer Reihe von Festrednern folgten darauf; es begann Pfr. Andrea Zaki, Präsident der FMEEC und Vizepräsi-dent des Rates der evangelischen Kirchen in Ägypten. Im Anschluss sprachen Bischof Munib Younan, vorsitzender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes, Pater Dr. Paul Rouhana, Generalsekretär des Mittelost-Kirchenrats, und Pfr. Dr. Thomas Wipf, Präsident der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa. Zudem meldeten sich Ex-Minister Dr. Tarek Mitri und der derzeitige Abgeordnete Dr. Farid El Khazen mit zwei ausführlichen Beiträgen zu Wort. Die Eröffnungssitzung schloss mit einer Zusammenfassung des Tagungsprogramms, vorgestellt von Pfr. Dr. Habib Badr, Vizepräsident der FMEEC.
Die Tagung nahm zudem Grußworte des Ökumenischen Kirchenrats, des Lutherischen Welt-bundes, der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und der Ersten Begegnungstagung der evangelischen Synoden in Europa entgegen.
Am Nachmittag trafen die Teilnehmer im Hotel Commodore wieder zusammen, wo Pfr. Dr. Patrick Sookhdeo und Pfr. Dr. Mitri Raheb zwei Grundsatzvorträge hielten. Jeder vermittelte aus seiner Perspektive einen anschaulichen und aufschlussreichen Einblick in die derzeitige Lage des Nahen Ostens angesichts der einschneidenden Änderungen, die der sogenannte „arabische Frühling“ mit sich gebracht hat. Hervorgehoben wurde, dass die sich momentan in der arabischen Welt abzeichnenden Regierungsmodelle, die nun an die Stelle der überwiegend militärischen Regime der letzten Dekaden treten, sich aus einem gemäßigten oder radikalen politischen Islam herzuleiten scheinen. Man trat für eine realistische Einschätzung hinsichtlich der Frage ein, wie die Christen mit dieser neuen Situation konkret umgehen sollten.
Detailliert und akribisch beschrieben weitere Experten vor Ort die wesentlichen Herausfor-derungen und beunruhigenden Auswirkungen der jüngsten Ereignisse in der NMO-Region auf dort lebende Christen. Lösungsansätze wurden formuliert hinsichtlich der Frage, wie evangelische Christen den Herausforderungen in ihren verschiedenen Kontexten und Umständen gegenüberzutreten vermöchten. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Rolle der evangelischen Tradition im Leben innerhalb der NMO-Region zuteil, sowie der Überlegung, wie die evange-lischen Christen ähnlichen Herausforderungen in der Vergangenheit begegneten und wie sie in Gegenwart und Zukunft auf gleiche Weise verfahren können.
Nach dem Eröffnungsgottesdienst am nächsten Tag wurde eine Reihe von Erfahrungsberichten aus unterschiedlichen Lebensbereichen der betroffenen Regionen erstattet. Dazu zählten Jeru-salem und Palästina (Bishop Munib Younan), Ägypten (Pfr. Dr. Safwat El Bayadi, Präsident der evangelischen Gemeinschaft), Irak (Rev. Haitham Jazrawi, Präsident der evangelischen Gemeinschaft) und Nordafrika (Algier). Jeder Redner beschrieb die derzeitige Situation in sei-nem Heimatland und deren Auswirkungen auf die Christen vor Ort angesichts der im Laufe des vergangenen Jahres eingetretenen Entwicklungen.
Die Sitzung schloss mit einer kritischen Betrachtung der theologischen Grundlagen von Präsenz und Zeugnis des Protestantismus im Nahen Osten; Präsenz und Zeugnis, welche auf den reformatorischen Traditionen basieren, die getreulich für alle gerechten und rechtschaffenen Anliegen eingetreten sind. Auch befasste man sich mit der Rolle der historischen protestantischen Institutionen und Organisationen in der NMO-Region, die ein reiches Erbe hinterlassen und einen starken Einfluss auf das Leben des Ostens in verschiedenen Bereichen und Arbeits-zweigen ausgeübt haben, wie z.B. bei theologischer Ausbildung, Bildung und Kultur, sozio-ökonomischen Entwicklungen, Gesundheitsdiensten, Kommunikationen und Medien usw.
Workshops und Diskussionen nahmen ebenfalls breiten Raum ein. Experten formulierten Fragen, auf welche die Teilnehmer im Kontext der zuvor gehörten Konferenzbeiträge eingingen. Das Ziel der Workshops lief darauf hinaus, eine definitive Strategie zu erarbeiten, die zum Wiederaufbau der nahöstlichen evangelischen Gemeinschaften auf der Grundlage einer neuen und indigenen „Theologie der öffentlichen Angelegenheiten“ einen Beitrag leistet; eine Theologie, die von einer gemeinsamen evangelisch-christlichen Vision inspiriert ist, welche zu Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz aufruft, im Sinnzusammenhang einer richtig verstan-denen Bürgergemeinschaft aller ethnischen, religiösen und nationalen Bevölkerungsgruppen, und die zur weiteren Entwicklung von Humanressourcen beiträgt. Diesbezüglich betonten die Teilnehmer, dass eine endgültige, gerechte und faire Lösung der palästinensischen Krise für jeglichen künftigen Fortschritt an allen diesen Fronten erforderlich sei.
Die Arbeitsgruppen hoben ebenfalls hervor, es gelte das Engagement für unseren Glauben an die lebendige Hoffnung zu bewahren, die im Herrn Jesus Christus immerdar verkörpert ist. Sie betonten auch die Notwendigkeit einer ehrlichen ökumenischen Offenheit gegenüber ihren östlichen christlichen Schwestern und Brüdern sowie die Notwendigkeit der fruchtbaren und konstruktiven Zusammenarbeit mit nichtchristlichen Gruppierungen im Nahen Osten, vor allem mit moslemischen Gemeinschaften – eine Zusammenarbeit, die errichtet ist auf der soliden Grundlage des auf Gleichheit der Menschenrechte aufbauenden Miteinanders.
Die abschließende Plenarsitzung resümierte die Ergebnisse der Tagung und formulierte die notwendigen Schritte, die evangelische Christen in der NMO-Region unternehmen sollten, um hier und heute sich zu schützen und für die Zukunft ihr Bekenntnis zu stärken. Sie erkundeten Wege, inwiefern sie ihrem universellen reformatorischen Erbe treu bleiben könnten, bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit den derzeitigen Herausforderungen in den verschiede-nen Ländern, in denen sie leben (Libanon, Syrien, Ägypten, Jordanien, Palästina, Irak, Türkei, Iran, Sudan, Nordafrika, Golfregion).
Die Teilnehmer appellierten an alle diejenigen, die sich für die Herausbildung eines Nahen Ostens engagieren, der sich eines auf Gerechtigkeit, Freiheit und Respekt sowie der Wahrung der Menschenrechte basierenden Friedens erfreut. Sie forderten alle ihre moslemischen Mitbürger auf, insbesondere die derzeitigen Machthaber, sich für die Schaffung bürgerlicher Staaten in den Ländern der Region einzusetzen; für Staaten also, die auf einer nach modernem Verständnis gestalteten Demokratie gründen, die sich nicht bloß auf Zahlen und Stimmzettel stützt, sondern vielmehr auf Gleichheit aller in der Inanspruchnahme gleicher staatsbürgerschaftlicher Rechte; Staaten, die Chancengleichheit für Arbeit und Wohlstand aller Bewohner des Nahen Ostens ohne Diskriminierung bieten. Nur in solch einem Nahen Osten können alle Gemeinschaften, evangelische und nichtevangelische, insbesondere aber die Jugend unter uns, Sicherheit und Wohlergehen genießen und folglich nicht mehr in Frustration und Furcht leben oder sich gedrängt sehen, der Versuchung auszuwandern zu erliegen.
Es wurde an alle appelliert, die sich mit der Frage der christlichen Präsenz und des christlichen Zeugnisses in der NMO-Region befassen (seien es regionale oder überregionale Regierungen, Kirchenoberhäupter und Gemeinden oder Partnerorganisationen auf der ganzen Welt), sich der Gefahren bewusst zu werden, die derzeit alle nah- und mittelöstlichen christlichen Minderheiten bedrängen, vor allem aber die Evangelischen unter ihnen (die eine Minderheit innerhalb der Minderheit darstellen).
An alle unsere regionalen und internationalen Partner und Freunde wurde eine Einladung mit der Aufforderung übermittelt, eine grundlegende Untersuchung durchzuführen mit dem Ziel, herauszufinden, was tatsächlich in den einzelnen Ländern der NMO vorgeht, je nach Land unterschieden. Sobald vollzogen, ist es Aufgabe aller, die internationale Gemeinschaft über diese Tatsachen zu informieren und in adäquater Weise zu reagieren. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, dass diese Reaktion sich von den biblischen Grundsätzen leiten lässt, auf die vor Jahrhunderten die evangelische Reform sich gründete. Für uns bedeutet dies, an Gerechtigkeit und Wahrheit festzuhalten und Gewalt zurückzuweisen, die jetzt auf solch traurige Weise in den Regionen des NMO vorherrscht – Gewalt, die von allen beteiligten Seiten und Parteien ausgeht.
Ein besonderer Appell schließlich wurde an alle Evangelikalen im Nahen Osten gerichtet, in-sbesondere an die Jugendlichen unter ihnen (welche ja eine entscheidende Rolle bei den Bewegungen für Wandel und Freiheit in den abgelaufenen Geschehnissen gespielt haben); sie möchten trotz aller noch bevorstehenden Herausforderungen die Hoffnung nicht aufgeben, sondern am Glauben ihrer Vorfahren festhalten und in Heim und Heimat fest verwurzelt blei-ben. Wir laden alle ein, sich für Versöhnung und Frieden im Nahen Osten einzusetzen und für alle gerechten Anliegen einzutreten, unter Wahrung der Werte von Freiheit und Menschenwürde gegenüber jedermann. Wir hoffen, dass alle im Glauben festen Christen des Nahen Ostens ihre ganze Kraft weiterhin dem Wiederaufleben ihrer Kirchen und der Reform ihrer Gesellschaften widmen mögen.
Beirut,
17 Februar 2012
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